„Höher, schneller, weiter!“ – irgendwie ist dieses Kredo ein fester Bestandteil unserer heutigen Gesellschaft geworden.  

Es spornt uns zu immer besseren, perfekteren und ausgefalleneren Leistungen an. Doch sind wir Menschen keine Arbeitsmaschinen, die nur funktionieren und auf rein kognitiver Ebene arbeiten. Wir sind auch zutiefst soziale Geschöpfe mit einer umfassenden Bandbreite an Gefühlen, Bedürfnissen und Wünschen. Doch welchen Stellenwert nimmt diese weiche, sensiblere Seite in unserer wettbewerbsorientierten Gesellschaft ein? Meist wird ihr, wenn überhaupt, einer der hinteren, billigen Plätzen zugewiesen.

Warum? Zum einen, weil wir oft Angst haben uns unserer Innenwelt mit all ihren Emotionen, Verletzungen und (Selbst-)Verurteilungen zuzuwenden – mitunter vielleicht auch deswegen, weil wir meistens nie gelernt haben, wie wir mit all den Ängsten, der Scham, der Wut, der Hilflosigkeit und Traurigkeit umgehen sollen, die sich beim Blick nach Innen auf einmal zeigen kann. Und zum anderen vielleicht auch deswegen, weil wir Angst haben als schwach, bemitleidenswert oder unfähig zu gelten bzw. die Angst haben nicht mehr lebensfähig zu sein, wenn wir uns all dem liebevoll Zuwenden, was wir versucht haben jahrelang zu verstecken oder zu verdrängen. Wenn schon, dann ist es viel einfacher, anderen Menschen – insbesondere denen, die man gerne hat – in schwierigen Situationen beizustehen und ihnen mit Freundlichkeit und Fürsorge zu begegnen. Mit sich selbst geht man da schon ganz anders ins Gericht. Genau dies führt uns meist zu noch mehr Selbstverurteilung, Hoffnungslosigkeit sowie Unsicherheiten und veranlasst uns nicht selten dazu, dass wir das Vertrauen in uns und unsere Fähigkeiten verlieren und noch mehr ins Zweifeln gelangen. Doch wie kann man auf andere, gesündere Weise mit all den Herausforderungen des Lebens umgehen? Genau hier kommt die Praxis des Selbstmitgefühls ins Spiel.

„Mit Selbstmitgefühl schenken wir uns selbst die gleiche Güte und Fürsorge, die wir auch einem guten Freund oder einer guten Freundin schenken würden.“

Kristin Neff

Denn Selbstmitgefühl bedeutet nicht nur während der Sonnenseiten des Lebens zu sich zu stehen, sondern auch in schwierigen Zeiten, wenn wir scheitern, einen Fehler gemacht haben oder verletzt wurden. Denn genau diese Situationen sind eigentlich Anlass für Trost, Mitgefühl und Verständnis nun nicht für harte Selbstkritik und unaufhörliches Grübeln. Anstatt jeden Schmerz von sich schieben oder verleugnen zu müssen, können wir uns genau dann selbst ein guter Freund/eine gute Freundin sein und uns auf unterstützende und verständnisvolle Art und Weise trösten und umsorgen.

Genau so können wir durch die Praxis des Selbstmitgefühls eine mutige innere Haltung entstehen, die uns widerstandsfähiger gegenüber Leid und Schmerz macht, den wir uns (oft unwillentlich) selbst durch harte Kritik und ständiges Bewerten zufügen oder der uns von anderen Menschen zugefügt wird. Selbstmitgefühl gibt uns somit die emotionale Stärke und Widerstandsfähigkeit uns selbst und unser Leben mit all seinen Höhen und Tiefen so anzunehmen wie es ist, ohne daran zu verzweifeln, aufzugeben oder bitter zu werden. So können wir auch mit ganzen Herzen mit anderen in Beziehung treten, da wir so den Mut haben auf authentische Weise wir selbst zu sein.